[Rezi] Astrópía – Hier gelten andere Regeln

Ein isländischer Filmhit schafft es zu einer deutschen Übersetzung. Dass er sich noch zusätzlich um Rollenspiele dreht, lässt den DVD-Player beängstigt rotieren, während sich mein Fernsehsessel freudig in Schwingungen versetzt. Wohlan, der Fernsehsessel sollte recht behalten!
Hildur ist eine In-Tussi, eine Party-Schnecke, ein Covergirl. Ihr Freund Joli ist Autohändler mit Goldkettchen und in Ballonseide, sie fährt einen Porsche und ihre Freundinnen machen Paris Hilton Konkurrenz. Doch Hildurs Welt bricht zusammen, als die isländische Steuerfahndung den krummen Geschäften ihres Freundes auf die Spur kommt und er in den Bau wandert. Von ihren Freundinnen verlassen, ohne Job, ohne Auto – dieses wurde beschlagnahmt – findet sie Quartier bei einer Schulfreundin. Während Joli aus dem Gefängnis mit immer abstruseren Wünschen an sie herantritt, gibt es auch Probleme im trauten Heim: die Wohnung gleicht einem Trümmerfeld und selbst aufräumen ist für Hildur angesagt. Snorri, der kleine Sohnemann ihrer Freundin, hilft ihr selbstlos dabei, weswegen Hildur ihm ein Geschenk machen will – und er sich irgendetwas aussuchen darf, solange es nicht mehr als 2000 Kronen kostet. Und so schleppt der kleine Snorri Hildur mit zum örtlichen RPG-, Comic und DVD-Dealer, dem Astrópía. Skeptisch wartet sie draußen, bis ihr Blick auf eine Anzeige fällt, dass der Laden noch Verkäufer sucht. Forschen Schrittes betritt sie die Nerdhöhle und wird vom Verkäufer sogleich in ein Fachgespräch über „Genosse Superman“ verwickelt… Aber schließlich schafft sie es, zum Ladenbesitzer vorzudringen und dank einer Portion aus Mitleid und ihren buchhalterischen Kenntnissen wird sie tatsächlich engagiert.

Und so ist Hildur ab Minute 20 Verkäuferin im Astrópía, Abteilung Rollenspiele und ab Minute 42 reift in ihr die Erkenntnis, dass sie unbedingt mal rollenspielen muss – um Monte Cooks Book of Vile Darkness besser von der World of Darkness unterscheiden zu können. Und mal ehrlich, den Unterschied zu kennen ist schon überlebenswichtig! Der Film zeigt den alltäglichen Wahnsinns eines Rollenspielladen einerseits, andererseits aber auch, dass die Menschen dort mit ganz normalen Bedürfnissen und Zielen ihren Alltag bestreiten. Das Rollenspielen wird dabei ganz nebenbei im Vorbeigehen erklärt…

Insgesamt ist der Film eine liebevolle Hommage an das Rollenspiel, welche aber so aufbereitet ist, dass jederman zumindest den Grundgedanken versteht. Schließlich lernt man es aus der Perspektive von Hildur kennen und die hat sehr viel in Sachen Rollenspiel nachzuholen. Goggi, der Ladenbesitzer, lädt sie schlicht zur eigenen Runde ein, denn „Rollenspiel lernt man am besten durchs Spielen“. Hildur sitzt also im dunklen Spielraum, lauscht der „Fachsprache“ der anderen Spieler und stellt einige Fragen zum Ablauf, bis Goggi die Sitzung startet. Plötzlich klappen die Wände des abgedunkelten Spielraums weg und Hildur befindet sich auf der hellen Ebene von Jabberwocky – ein äußerst gelungener Effekt, ein toller Blick in ihr Innerestes. Die In-Charakterszenen – immer von den selben Schauspielern dargestellt, die auch die Spieler spielen, aber natürlich äußerst stark verändert – werden immer übertönt von Goggiss Beschreibungen, so dass jederzeit klar bleibt, dass die Ereignisse am Spieltisch stattfinden. Und schon etwas später ist es an Hildur, ihren interessierten Kunden Rollenspiel zu erklären…

Das zusammenhaltene Element ist eine Dreieck-Liebesstory mit Hildur in der Mitte, ihrem Freund Joli in der einen und einer neuen Bekanntschaft vom Rollenspieltisch in der anderen Ecke. Im Gegensatz zu Filmen oder Serien wie The Gamers, GOLD oder Fear of girls ist Astrópía nicht nur aus Nerdwitzen aufgebaut und nur für Rollenspielfreaks geeignet. Klar stecken auch Humor und Anspielungen drin, die nur Insider sofort versteht, aber durch die abgerundete Geschichte, allgemeinverständliche Situationskomik und durch die skurillen, aber immer liebevoll-überzeichneten Charaktere, gibt es mehr als genug humorige Szenen und Geschehnisse, um auch das Mainstreampublikum überzeugen zu können – und das ist eine gestandene Leistung!

Die Extras des Films liegen mir nicht vor, aber sollen nicht unerwähnt bleiben. Als direkte Beilage ist „Abenteuer Fantasy Rollenspiel“ enthalten, ein extra für Astrópía geschriebenes Einsteigersystem aus der Feder von Dirk Remmecke, der sozusagen das Nadelöhr zwischen AV Visionen, dem Publisher, und der Rollenspielszene darstellt. Das System soll durch weitere Abenteuer auf der Filmwebsite gefördert werden. Desweiteren sind die Einsteigerregelwerke von DSA, Shadowrun und Cthulhu als .pdf enthalten – genug also, um sofort loslegen zu können in immerhin drei unterschiedlichen Genres!

Fazit: Astrópía ist nicht nur ein Must-Have für Rollenspieler, sondern das ideale Geschenk für nichtrollenspielende Freunde, die sich zwar immer mal dafür interessiert haben, was man so treibt, aber sich nie zu ner Proberunde getraut haben. Ich habe jedenfalls gleich einige Filme auf Vorrat bestellt. Mehr Lob geht nicht…

PS.: Noch ein paar Links:

Deutscher Astrópía Blog

AV Visionen

Astrópía in der IMDB

PPS.: Bei Amazon ist der Preis auf 15 Euro gefallen, davor lag er bei 18 Euro.

PPPS.: Der islandische Trailer mit deutschen Untertiteln:

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3 Antworten to “[Rezi] Astrópía – Hier gelten andere Regeln”

  1. Christophorus Says:

    Kann mich der Beurteilung weitgehend anschließen. Das Thema Rollenspiel wird gerade dem nicht-involvierten Zuschauer auf liebevolle Weise näher gebracht, ohne allzu tief in die Materie vorzudringen und somit kompliziert zu wirken. Da der Film eine Komödie ist, darf man ihm nicht krumm nehmen, die Rollenspieler (mal wieder) als picklige, ätzend angezogene Freaks darzustellen, denen es an Sozialkompetenz mangelt. Das Herumreiten auf Klischees gehört in diesem Fall dazu und stört auch nicht sonderlich, denn schließlich wendet sich zum Schluss ja alles zum Guten.

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  2. [Film] Richard Hasenfuß – Nerds + Reeanactment « Greifenklaue’s Blog Says:

    […] Faintheart, gibt es nun ganz im Trend von Big Bang Theorie und als würdiger Nachfolger von Astropia (, den ich allerdings noch stärker finde) eine weitere, diesmal britische Komödie rund um Nerds […]

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  3. Media Monday #262 | Greifenklaue's Blog Says:

    […] Astropia (Rezi) sollte nun wirklich jeder mal gesehen haben, schließlich ist das ein recht knuffig-kultiger […]

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