[Rezi] Private Eye

Auf 256 Seiten in stabilem Hardcover bringt die Redaktion Phantastik die 4te Edition des Detektivrollenspiels im viktorianischen Englands, Private Eye, zur Messe Essen 2007 heraus. Anlaß ist sowohl das 10-jährige bestehen des Verlages sowie das 20-jährige Jubiläum von Private Eye, wichtigster Grund dürfte aber der Abverkauf der dritten Auflage sein (, welche rund 15 Jahre auf dem Buckel hat) – insofern auch ein guter Grund zur gründlichen Überarbeitung. 

Für den Regelteil zeichnet sich der bei Cthulhu sehr aktive Jan-Christoph Steines verantwortlich, der aber auch für Private Eye manches kultige Abenteuer noch zu Fanzinerzeiten geschrieben hat. Ihm zur Seite steht Peter Schlauch, ebenfalls eine Fandomgröße aus der Zeit, zu der Private Eye enstand. Beide sind keine großen Risiken eingegangen und belassen es zu großen Teilen beim alten System, größtenteils werden nur einige Stellschrauben gedreht.

Das System basiert auf den W100, bei den sechs Attributen ist Auswürfeln angesagt. Sechs W100-Würfe werden addiert und, so min. 250 Punkte erreicht sind, wird die Summe beliebig auf die Attribute aufgeteilt. Keine Balancinggedanken, kein modernes Point Buy, was vor 20 Jahren gut war, ist auch heute noch gut sein – empfinde ich sehr angenehm, wenn sich ein Regelsystem bewußt zu seiner Tradition steht und nur an den Stellschrauben dreht, an denen es nötig ist. Diese werden ergänzt von den sozialen Eigenschaften wie Ausbildung, Herkunft oder Reputation, welche in Abstimmung mit Attributen und Beruf abgestimmt werden sollen. Dazu kommen typische Fertigkeiten, die ein Investigator so gebrauchen könnte, die mit dem W100 beprobt werden und deren Werte sich aus Grundwert, frei verteilbaren Punkten und Eigenschaftsboni zusammensetzt. Hier gibt es auch die größten Änderungen im System, Grundwerte wurden angepasst, einige Fertigkeiten sind weggefallen (Sechster Sinn), andere wurden verallgemeinert (Fassadenklettern wird zu Klettern, Belauschen zu Wahrnehmung) und neue sind dazugekommen (Werfen, Psychologie). Der Kampf läuft über eine Angriffs- und eine Verteidigungsprobe mit einigen Feinheiten wie gezielte Angriffe. Das Erfahrungspunktesystem ist detailliert aufgeschlüssselt, von 50 EP für das Erreichen von Hauptzielen (Aufdeckung des Mordes) bis hin zu 1 EP pro erfolgreicher Probe oder für eine Spielstunde. Der Stufenaufstieg bringt deutliche Verbesserungen mit sich (min. 40 Punkte, um die Attribute und Fertigkeiten aufgewertet werden) und benötigt anfangs 200 EP, zum Schluß 600 EP. Das beste an der ganzen Sache: das ganze Regelsystem ist auf 12 Seiten untergekommen.

Das restliche Regelkapitel stellt die möglichen Berufe der Charaktere wie Anwalt, Coroner oder Journalist vor, benennt Voraussetzungen, dazugehörige Fertigkeiten und Einkommen, vor allem aber die typische Ausgestaltung dieses Berufs im späten 19. Jahrhundert mit historischen Hinweisen und die Möglichkeiten diesen Beruf mit weiblichen Charakteren zu besetzen. Alle neun Berufe haben außerdem noch ein Beispiel-NSC mit allen nötigen Werten, den man mal schnell im Spiel einbauen kann nach dem Motto, wir suchen mal den Kriminologen auf. Dann werden im folgenden neun weitere Professionen wie Gentleman, Gouvernante oder Butler, welche schon etwas schwieriger in einen Fall zu involvieren sind, kurz angerissen. Abschließend gibt es regeltechnische Hinweise zu den Änderungen zur Vorgängeredition sowie Übertragungshinweise zu anderen Rollenspielen wie Cthulhu, Midgard 1880 und Castle Falkenstein sowie der Charakterbogen sowie das Potrait parlé, also jenes Erfassungssystem, welches zur Zeit von Private Eye state of the art war.

Es folgt der breite Quellenteil, der mit dem British Empire im allgemeinen und London im speziellen beginnt. Dabei gilt es sowohl die beliebte Vorgängeredition als auch das London-Quellenbuch für Cthulhu zu schlagen – und es gelingt. Kurzweilig wird ein historischer Abriß des British Empire geliefert, Militär, Wirtschaft, Erfindungen, Religion, Währung, Maße. In schwarz unterlegten Textkästchen werden Londoner Merkwürdigkeiten präsentiert. So erfährt man, dass die Erbauer den Bahnsteig 5 am Bahnhof London Bridge schlicht vergessen haben oder dass es weder Beamtenbeleidigung noch Osterhasen gibt. Der Londonteil verschafft dann einen sehr detaillierten Einblick in die Stadt im Jahre 1890. Selbst an Details wie Portopreise für Briefe, Droschkenpreise oder Telefonkosten wurde gedacht. Auch auf die Stadtkarte, ein Reprint aus jener Zeit, wird eingegangen, schließlich gab es damals noch keine Quadrate mit A5 oder D3, wie es sich heutzutage durchgesetzt hat. Dann folgt ein Gang durch die verschiedenen Schichten Londons, Geschäftszweige wie Ernährung oder medizinische Versorgung und zuguterletzt die Mode jener Zeit werden angeschnitten. Ein besonderes Highlight sind die Organisationen jener Zeit, Heilsarmee, Druiden, Rosenkreuzer, Freimaurer oder theosophische Gesellschaften – kurzum jede Menge potentielle Verbündete, Gegner oder Anlaufstationen. Den Abschluß bilden kulturelle und sportliche Einrichtungen.

Es folgt ein eigenes Kapitel Stadtlexikon, welches auf besondere Gebäude und Einrichtungen eingeht, sowie einige Stiche oder Karten bietet.

Danach fühlt man sich quasi in London heimisch, wobei das ganze anekdotenreich, wissenswert und locker geschrieben ist, dass es sich keineswegs trocken liest, sondern es sich Stück um Stück weglesen lässt.

Das Layout weist ein Ärgernis auf. Die Randrahmen ragen mit Absicht in den Text rein und zumindest im Regelteil so dunkel, dass sie beim Lesen stören. Später hat es mich nicht mehr so gestört, wobei es eher ein Gewöhnungseffekt zu sein scheint, als dass die späteren Grafiken heller sind. Darüberhinaus ist es aber ein gut aufgeteiltes und zeitgenössisch bebildertes Layout.

Fazit: Die alte Edition von Private Eye von der Gestaltung zu übertreffen, mag noch eine halbwegs leichte Aufgabe nach der Zeit sein, inhaltlich hingegen stand man vor einer großen Aufgabe – und die ist gelungen! Der Regelteil wurde nicht groß verändert, eher bereinigt und dazu die Berufe ausführlicher beschrieben. Der Quellenteil wurde jedoch wurde nochmal deutlich erweitert, einerseits kenntnisreich mit nützlichen Dingen zu London, England und der Kriminalistik jener Zeit, andererseits gelingt es, dieses Wissen nicht trocken zu vermitteln. So ist Private Eye nicht nur ein interessantes Detektivrollenspiel mit leichtem Regelsystem mit größter Ähnlichkeit zu Cthulhu, nein, es bietet sich auch förmlich als Quellenbuch an, für Systeme, die in dieser Zeit spielen. Kurzum: Lohnt sich!

 

PS.: Den Verlag findet man unter http://www.redaktion-phantastik.de/

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