Kamingespräch mit Mike Witschi (Efraims Astragal)

Kai Ellermann (Trodox, früher Skullcrusher ́s Chainsaw und Argentinum Astrum) konnte für uns die Gelegenheit nutzen und das Fanzine-Urgestein Mike Witschi vom Efraims Astragal interviewen. Korrekturgelesen wurde von Stephanie Ellermann.

GK: „In der damaligen Rollenspiel-Szene, dem sogenannten Fandom, warst Du in erster Linie als Herausgeber für Dein Fanzine Efraims Astragal bekannt, welches 1996 das Licht der Welt erblickte. Was hat Dich und Deine Mitstreiter dazu bewogen, ein eigenes Fanzine zu machen? Welche anderen Zines haben Euch beeinflusst? Hast Du noch Kontakt zu Deinen ehemaligen Efraims-Astragal-Kollegen? Oder gar zu den Kollegen anderer Zines von damals?“

Confitüre

MW: „Alles fing damals damit an, dass ich in unserem einzigen Fachhandel für Rollen- und Brettspiele in Lüneburg ein Rollenspiel-Fanzine entdeckte (eventuell war es Der Falke oder Ravenhorst) und sofort Feuer und Flamme war. In diesem Heft entdeckte ich Anzeigen für andere Fanzines, bestellte hier und da und entdeckte so immer mehr Genres von Punk- über Egozines, Horror usw.. Mir gefiel dieser DIY-Gedanke, die unendlichen Möglichkeiten, wenn einem keiner sagt, was in solch einem Heft stehen darf und was nicht. Dieses Anarchistische daran, sich aus Collagen, eigenen Zeichnungen und anderem Zeugs ein eigenes Layout zusammen zu basteln. Schnell war für mich klar, dass ich so etwas auch machen möchte. Und da mein guter Freund Maik und ich eh schon seit längerem Kurzgeschichten schrieben und eine Rollenspielgruppe hatten, war der Schwerpunkt Rollenspiel schnell gefunden. Da wir aber auch totale Fans vom Commodore 64, Musik und Trash in jeder Form waren, konnten wir das Hauptthema schon in der ersten Ausgabe kaum noch aufrecht erhalten. So wurde das Efraims Astragal mit 32 Seiten auf Din A5 in einer Hauruck-Aktion zusammengestellt, denn es stand die Confitüre an, ein Vernetzungstreffen der Fanzineszene rund ums Rollenspiel. Hier wollten wir unbedingt mit einem eigenen Heft auftauchen. Am meisten beeinflusst beim Heftemachen haben mich Egozines wie das Headspin von Christoph Koch, Horrorzines wie das Nightlife oder das Screem und natürlich der ganze RSP-Kram wie der Falke von Peer und Malte Göbel oder die Astoreth. Mit den meisten der damaligen Leute vom Astragal habe ich immer noch Kontakt. Maik Holstein ist noch immer mein bester Freund und wohnt auch noch in Lüneburg. Meine Schwester Viviane hat ja auch von Anfang an mitgeschrieben. Bis auf ein, zwei Leute habe ich zu dem Rest noch losen oder regen Kontakt. Das waren damals schon Leute, die einen Platz tief in meinem Herzen hatten. Florian Neumann zum Beispiel ist ein alter Kumpel aus meiner Grundschulklasse. Markus Wortmann ist erst kürzlich wieder in meinem Leben aufgetaucht. Aber auch einige Leute von den anderen Fanzines tauchen vor allem dank Internet nach und nach wieder auf. Peer Göbel hab ich allein durch die Musik immer wieder getroffen. Seine Bands hab ich gelegentlich nach Lüneburg gebucht, er meine im Gegenzug nach Berlin und man hat sich immer wieder auf Konzerten getroffen. Sein Bruder Malte hat mich irgendwann mal fürs JETZT!-Magazin von der Süddeutschen interviewt. Dich Kai vom Skullcrusher ́s Chainsaw und Argentinum Astrum hab ich ja auch dank Web 2.0 wieder entdecken dürfen, Danny Dorscheidt auch und Yvonne Friese vom genial trashigen Tampon ebenfalls. Da ich auf diese Zeit gern zurückblicke, freut mich das sehr, auch einige der Personen im Auge behalten zu können.“

GK: „Recht witzig fand ich Dein Zine Superkai, das es leider nur auf eine Ausgabe gebracht hatte und in einer Kleinstauflage von genau einem Heft im Jahre 1998 erschien. ;) Möchtest Du Dich dazu äußern?“

MW: „Ähm… Räusper. Ich hab Dir da wohl mal was zusammengestellt, oder? Kannst Du mir das mal kopieren? Ich hab da echt nichts mehr vor Augen. Aber die Aktion war natürlich ein reiner Akt der Liebe. Komm küssen!“

GK: „Was macht für Dich die Faszination Fanzine aus? Oder anders gefragt: Wieso haben Du und Deine Rasselband sich den Stress angetan?“

MW: „Für mich war das nie Stress, sondern ein Ventil, ein Sprachrohr und ein Draht zur kulturellen Welt da draußen. Es gab ja noch kein Internet in dem Maße, wie es das heute gibt. Ich habe durch die Fanzinewelt Menschen stalken können, die ein ähnliches kulturelles Interesse wie ich hatten. Konnte an ihren Gedanken teil haben, von ihnen Bands, Bücher und weiteres kennenlernen, die ich so sonst nicht entdeckt hätte. Alles fing an mit Leserbriefen und Gastillustrationen für andere Hefte. Da war ich mir sicher, dass die Anklang finden würden. Bei meinen Texten war das anders. Die waren so unausgereift und teils auch von Rechtschreibfehlern durchzogen, dass ich gleich wusste: Wenn ich die veröffentlichen möchte, dann muss ich das selbst machen. Und da ich in meinem Freundeskreis einige Spinner und Kreative hatte, deren Sachen mich teils echt überzeugten oder gar erschreckten, wusste ich, dass ein Heft von mir kommen muss. Zudem gab es in Lüneburg meiner Erinnerung nach damals nur wenige Fanhefte. Ein ziemlich cooles Punkzine von Frank Fahrenkrog,der inzwischen auch Sachbücher zum Thema geschrieben hat und etliche Nazi- und Skinheadhefte. Die gab es schon immer und der Landkreis Lüneburg war erschreckenderweise eine Hochburg der Hammerskins. Üble Typen, aber einer der Anführer war über Ecken mit meinem Onkel verwandt, deshalb hab ich das am Rande manchmal mitbekommen. Naja, ich schweife vom Thema ab. Es gab halt kein alternatives Printprodukt aus der Heidestadt und das fand ich lahm. Ich hatte hier halt die Möglichkeit, meine Kreativität ohne Rücksicht auf Verluste frei auszuleben und damit eventuell noch ein paar andere Freaks zu unterhalten. Das reichte aus, meinen ganzen Freundeskreis aufzustacheln, mitzuschreiben, zu zeichnen oder auch nach Talenten im Umfeld zu schauen. Zudem wollte ich unbedingt diese ganzen anderen Fanzines pushen. Das merkt man vielleicht daran, dass im Efraims Astragal total viele Hefte rezensiert und gefeiert werden. Der Name Efraims Astragal setzt sich übrigens aus dem jüdischen Namen Efraim (fand ich einfach vom Klang gut) und der Bezeichnung von knochenartigen Spielsteinen aus der Antike zusammen. Erst wollte ich das Heft nur Astragal nennen, aber es gab da schon das Astoreth und den Argathor. Efraim kam dann dazu, um Verwechslungen oder Plagiatsvorwürfe zu vermeiden.“

GK: „Als Fanziner ging man ja vielen Tätigkeiten nach: Artikel schreiben, lektorieren, vielleicht – wie in Deinem Fall – auch illustrieren sowie mit den Mitarbeitern, Verlagen, anderen Fanzinern und Käufern kommunizieren, vielleicht gar selbst am Kopierer stehen oder den Vertrieb organisieren. Hattest Du eine Art Lieblingstätigkeit?“

MW: „Ich fand alles total geil. Nur das Lektorieren habe ich stets ignoriert. Die meisten der Autoren konnten besser schreiben als ich. Das Thema Scheißen auf Rechtschreibung haben wir mit dem Astragal sogar auf die Spitze getrieben. Lars, der kleine Bruder von Maik, schrieb damals von Rechtschreibfehlern nur so strotzende Kurzgeschichten. Zudem waren die Geschichten in der Regel auch eine ungefilterte Niederschrift pubertärer Sex- und Erfolgsfantasien. Mich haben die Stories in ihrer reinen Form von Anfang an so fasziniert, dass ich sie komplett unzensiert und in ihrer Reinform veröffentlicht habe. Zugegeben, ein wenig hatte ich auch das Gefühl, den jungen Schreiberling damit bloßzustellen, aber der hörte nach den ersten Veröffentlichungen nicht mehr auf zu schreiben. Das ging so weit, dass er trotz seiner eindeutigen Rechtschreibschwäche kurz darauf mehrere Ausgaben eines eigenen Fanzines herausbrachte.  ́Der Tiger ́, so hieß das Zine, war ein tiefer Einblick in das Leben eines pubertären Außenseiters. Vielleicht war das schon der beste Part am Fanzine machen, andere mit anzustecken. Zu sehen, was so ein Heft aus Freunden und Bekannten herauskitzeln kann. Aber da ich auch gern zeichnete etc. kann ich im Nachhinein gar nicht so genau sagen, was ich am besten fand. Das tollste war eigentlich, das kopierte Heft irgendwann in den Händen zu halten, zu verschicken und auf Reaktionen in Form von Leserbriefen, Tauschabos und Gastbeiträgen zu warten.“

GK: „Wie sieht es mit einem Lieblingsartikel aus – egal ob ein eigener oder ein im Fanzine gelesener?“

MW: „Einer meiner Lieblingsartikel im Astragal ist der, wo Maik und ich den PayTV-Sender Premiere in einem Briefwechsel verkauft haben, wir hätten mit unserem Commodore +4 deren Bildübertragungscode geknackt. Angestachelt von Winfried Bornemann schrieb ich damals total beknackte Briefe an Firmen und wartete auf deren Antwort. So gab es z.B. einen Fake-Fanclub für die Dinnerfee-Dosensuppen von Penny. Die von Premiere haben aber sofort angebissen und irgendwann mit der Rechtsabteilung gedroht, nachdem wir uns zierten, denen das System vor Ort zu präsentieren. Das war schon ein großer Spaß. Aber auch Kurt Cobain als Rollenspielcharakter und etliche andere Artikel von Freunden haben mir viel Freude bereitet. Lieblingsartikel aus anderen Fanzines fallen mir jetzt auf Anhieb nicht ein. Tolle Aktionen aber schon. Irgendeinem Punkzine lag mal ein Teppichkracher bei mit dem Spruch: `Macht kaputt, was euch kaputt macht ́. Das fand ich smart. Ein paar Ausgaben später trumpfte das Heft aber mit dem krassesten Gimmick der Fanzineszene auf: Jedem einzelnen Heft mit der Auflage von 120 Stück lag ein eigenhändig abgebrochener Mercedes-Stern bei. Hut ab! Christoph Koch hat mal einen Fanartikel zu Winona Ryder geschrieben. Die ist mir damals noch gar nicht so richtig aufgefallen. Ergebnis war, dass ich danach ebenfalls lange in sie verschossen war. Spricht für den Artikel. Vielleicht freute es mich aber auch nur, dass sie mit `Der Fänger im Roggen ́ das gleiche Lieblingsbuch wie ich hatte. Ansonsten bin ich noch heute geflasht vom Fanmagazin Elfenwolf von Michael Wuttke*. Der konnte nicht nur wundervoll im Comicstil zeichnen, sondern hat mit jedem einzelnen Heft ein sagenhaft gutes und liebevolles Abenteuer mit Handouts und allem, was das Herz begehrt, veröffentlicht. Zudem waren die Abenteuer auch noch so gut geschrieben, dass sie sogar beim Durchlesen spannend waren. Das war auf ganz hohem Niveau, vor allem, wenn man bedenkt, dass die Hefte stets aus der Hand eines einzigen Typen kamen.“

GK: „Nenne uns doch bitte Deine Top 5 der Fanzines von damals.“

MW: „1. Der Elfenwolf (Michael Wuttke) / 2. Headspin (Christoph Koch) / 3. Screem (Walther Wiesheier) / 4. Komm Küssen (Christoph Koch) / 5. Ravenhorst (Günther Dambachmair)“

GK: „Der Rollenspielverlag System Matters startete einen Fanzine-Wettbewerb (Link), an dem auch alte Hasen wie Michael Wuttke vom Elfenwolf teilnehmen. Jeder Teilnehmer lässt dem Verlag postalisch 20 Exemplare seines gedruckten Fanzines zukommen, die im Online-Shop verkauft werden sollen. Der Verkaufserlös geht an die Stiftung gegen Rassismus. Könntest Du Dir vorstellen, an einem derartigen Wettbewerb teilzunehmen – vielleicht sogar mit einer neuen Ausgabe vom Efraims Astragal? Welche Weisheit kannst Du den angehenden Jung-Fanzinern mit auf den Weg geben?“

MW: „Ich habe da leider keine Zeit mehr, ein komplettes Fanzine zu basteln. Bock habe ich immer noch und Gedanken daran hab ich häufiger mal. Vor allem, weil ich unabhängige Medien, die sich von diesen ganzen Fakenews und rechten Gesinnungen sowie Verschwörungsszenarien abgrenzen, wichtiger als je zuvor finde. Aber es würde an vielen Dingen scheitern.
Ich müsste es unter einem Pseudonym herausbringen, weil es viele Aussagen beinhalten würde, die mir Feinde vor die Tür locken würden. Inzwischen hab ich eine Familie mit kleinen Kindern – die muss ich schützen. Zudem habe ich total viele Hobbies, die momentan aus Zeitgründen brach liegen. Da muss man sich genau überlegen, wo die letzten freien Stunden hin gehen. Leider muss ich deshalb passen und der Aktion absagen. Ich biete aber an, dem Verlag eigens für diese Aktion etwas Geld zu spenden. Oder ich überweise etwas direkt an die Stiftung. Ich kaufe mich also frei ;-). So wie alte Menschen sich ihr Gewissen gern reinwaschen. Jungen Fanzinern kann ich gar keine Weisheiten mit auf den Weg geben. Ich verbeuge mich eher tief vor der Entscheidung, Geld, Zeit und Herzblut in die Hand zu nehmen, in einer derb vernetzten Welt noch auf das Printmedium zu setzen. Schaltet im Heft Anzeigen für alle möglichen noch existenten Zines. Lest sie euch aber vorher durch, denn auch hier gibt es sicherlich inzwischen einen Prozentsatz an Spinnern aus der rechten Ecke. Haltet die Fanzine-Szene am Leben. Und sendet mir Adressen, denn ich brauch immer was zu lesen auf dem Scheißhaus. Erst letztens bestellte ich mir einen Batzen  ́Mind The Gap-Hefte, weil ich Fanzines nach wie vor liebe.“

GK: „Wenn wir schon das Thema Rassismus angesprochen haben: Tobias Honecker vom Nordländer rief vor gut 25 Jahren eine Aktion Rollenspieler gegen Gewalt und Rassismus** ins Leben, an der auch Du mit einem Beitrag teilgenommen hattest. Erzähl doch bitte, was Dir noch in Erinnerung geblieben ist.“

MW: „Mir ist die Aktion noch sehr gut in Erinnerung. Ich fand sie damals auch sehr gut. Grundsätzlich fand ich den Wettbewerbscharakter nicht so klasse. Ich bin, was kreative Aktionen angeht, eher für ein Miteinander als für einen Wettbewerb. Aber was da heraus kam, war schon eine gute Sache. Meine eigene Zeichnung, die wie alle anderen ja auch als Aufkleber gedruckt wurde, war eher so als Statement innerhalb der Szene gedacht. Die Vorurteile, dass Rollenspieler rechts sind, habe ich damals nicht so auf dem Schirm gehabt. Klar, nordische Mythologien, Runenschrift bla bla. Da hat ja die Gothic-Szene auch immer in Erklärungsnot gesteckt. Besonders im Black Metal gab es da ja auch einige echt rechte Persönlichkeiten, die mit ähnlichen Bildern arbeiteten. Und dieser ganze Pimmelschwenk-Thors-Hammer-Männlichkeitsmist war auch nie meine Welt, aber die Rollenspieler, die ich halt so kannte, waren durchweg linke Socken. Das hat sich ja auch schnell auf dem Confitüre herausgestellt, dass da ein Haufen Zecken aufeinander hockte. Doch zurück zur Aktion  ́Rollenspieler gegen Gewalt und Rassismus ́. Ich hatte diese Zeichnung gemacht, bei der ein Fantasywesen würfelte und sagte:  ́Na also, Probe auf Ausländerfreundlichkeit locker bestanden! ́. Das war für mich so als Statement innerhalb der Szene gedacht. So als Aufforderung, Stellung zu beziehen und rechte Leute gar nicht erst in die Szene zu lassen. Man erfährt ja immer wieder, wie die Nazis versuchen, Szenen zu unterwandern. Vor allem, wenn die sich gelegentlich Symbolen bedienen, die auch dieses ganze Wikinger-Übermenschen-Natürliche-Auslese-Gewichse propagieren. Dem wollte ich einen Stolperstein in den Weg legen. Quasi so wie diese Aufkleber   ́Fußballfans sagen nein zu Rassismus ́. Ich hatte mich jedenfalls gefreut, ein Teil dieser Kampagne sein zu dürfen und dass das Ergebnis positiv aufgenommen wurde. Damals war ich immer tierisch hibbelig, wenn irgendwo etwas von mir veröffentlicht wurde. Ob es eine Zeichnung im  ́Nightlife ́ oder  ́Screem ́ war, ein Leserbrief im Comic  ́Menschenblut ́ oder was auch immer. Andere waren in jungen Jahren immer darauf erpicht, ihren Samen ordentlich zu verteilen. Bei mir waren es die Hirngespinste in Form von Text, Zeichnungen oder Musik.“

GK: „Spielst Du heute noch Pen-und-Paper-Rollenspiele? Wenn ja, welche? Mit welchem System hattest Du damals die Welt der Erzählspiele für Dich entdeckt?“

MW: „Angefangen hat das ganze mit einer Runde des Tabletop-Brettspiels Dungeons Quest. Florian Neumann, der später auch fürs Efraims Astragal schrieb, und ich fanden schnell, dass das System viel größere Szenarien brauchte und planten, ein ganzes Kellerzimmer vollzubauen, um uns dort in einer Fantasywelt auszutoben. Als wir den Besitzer des Lüneburger Rollespielladens um Inspiration baten, erzählte der uns das erste Mal von Rollenspielen. So bin ich dann irgendwann beim  ́Schwarzen Auge ́ gelandet. Die Riesenversion von Dungeons Quest haben wir nie verwirklicht, aber mit 17 habe ich dann Maik Holstein (auch vom Astragal) kennengelernt und mit dem habe ich dann im Wechsel Textadventures für den Commodore 64 geschrieben und eine DSA-
Rollenspielgruppe ins Leben gerufen. Wie bei allem, was mich fasziniert, schaue ich gern schnell hinter die Kulissen und deshalb war mir die Rolle als Konsument irgendwann nicht mehr genug. Eigene Abenteuer wurden erfunden, ich war auch mal selbst Meister und irgendwann kam der ganze Fanzinewahn dazu. In der Zeit las ich auch gern andere RSP-Systeme quer, nur um mitreden zu können und weitere Inspirationen zu gewinnen. Gespielt habe ich regelmäßig eigentlich nur DSA und ein paar mal Shadowrun, Call of Cthulhu, Plüsch Power Plunder und In Nomine Satanis. Heute bin ich gelegentlich noch Meister. Ich leite seit mehr als zehn Jahren ein Jugendzentrum und rufe immer mal wieder neue RSP-Gruppen unter den Besuchern ins Leben. Meistens spielen wir DSA, aber für den Einstieg ins Hobby greife ich auch gern mal auf reines Storytelling-Rollenspiel zurück, bei dem ich mit einem W20 gelegentlich Proben auswürfeln lasse. Ein, zwei Gruppen sind auch Jahre nach ihrer JuZ-Zeit immer noch aktiv. Das freut mich sehr. Zudem fange ich manchmal schon mit meinen zwei Töchtern (drei und fünf Jahre) an, kleine Rollenspielszenarien zu spielen. Meistens geht es dabei um Feen oder Zauberer und eine kleine RSP-Abenteuer-Schnitzeljagd in einer Burg oder in einem Zauberwald. Das macht denen echt Spaß und mir auch.“

GK: „“Als wir uns das erste Mal auf der ersten Fanziner-Covention Confitüre getroffen hatten, hatten Deine beiden Zine-Kollegen Maik und Markus und Du einen Commodore 64 am Start, an dem dann auch reichlich Decathlon, Winter Games etc. gezockt wurde. Was macht für Dich gerade dieser Computer aus?“

MW: „Pure Nostalgie! Ich verbinde mit dieser Maschine einen großen Teil meiner Kindheit und Jugend. Zudem liebe ich nach wie vor die technisch reduzierten Möglichkeiten. Es ist der erste und einzige Computer, auf dem ich etwas programmieren konnte und er fesselt mich bis heute.“

GK: „Erzähl‘ uns bitte etwas über die B-Soft-Disks.“

MW: „Maik und ich hatten ja eine Art Fanzine in der C64-Szene. Unser Diskmag, die B-Soft-Disk, hat es insgesamt auf 6 1/2 Ausgaben gebracht und hatte eine ähnliche Reichweite wie das Efraims Astragal. Ich glaube, die letzen drei Ausgaben haben wir weltweit so um die 100 Mal verschickt. Auch hier war das Thema Trash, Gewalt und Fantasy ganz groß geschrieben. Zudem haben wir immer Tabuthemen wie Schulamokläufe, Selbstbefriedigung und Sex im Allgemeinen ins Visier genommen. Wir haben es mit der Geschmacklosigkeit hier manchmal besonders auf die Spitze getrieben. Die Disketten findet man noch immer im Netz unter meinem echten Namen und für manche Provokation schäme ich mich inzwischen schon. Aber hilft ja nichts. Das Internet vergisst nie. Auch war es eines

Das Beweisfoto!

unserer Hobbies, bei anderen Magazinen und Diskmags Leserbriefecken-Verbot zu bekommen. Da gibt es noch so einige Briefe, die im Suff entstanden und echt peinlich sind. Ein Ritterschlag war es für mich, als ein komplettes Game von mir vor ein paar Jahren von irgendwelchen Freaks komplett ins Englische übersetzt wurde. Sogar das Titelbild haben sie umgepixelt und eine Trainerversion eingebaut. Wer macht sich denn so viel Mühe mit einem Spiel von irgendwelchen spätpubertären Jungen? Der C64 ist übrigens noch immer ein Bestandteil meines Lebens. Seit 2004 mache ich sogar Musik damit für meine Band Naomi Sample & the Go Go Ghosts. Ich kann nicht anders. Ich liebe dieses Gerät. Während ich diese Zeilen am Mac schreibe, steht direkt daneben ein betriebsbereiter C64. Hier ein Beweisfoto!“

GK: „Eine Zeitlang hast Du für die RETRO geschrieben. Wie ist es dazu gekommen?“

MW: „Ich habe die erste Ausgabe gelesen und gut gefunden, dass es solch ein Heft gibt. Den Herausgeber Enno Coners kannte ich noch lose von früher. Für ein C64-Heft hatte ich mal ein paar Cartoons gezeichnet – Brotkastenfreunde hieß das. Ich schrieb Enno an, erzählte von meiner Szenezugehörigkeit zur Chiptune-Szene und schickte ein paar Plattenrezensionen, die ich für die Seite www.revolver-club.de geschrieben habe und war plötzlich der feste Schreiberling für die Musikartikel. Momentan liegt das ganze ja brach, weil das Format nicht mehr in Magazinform erscheint, sondern eher so als Nachrufe für wegweisende Firmen aus der Computerbranche. Grundsätzlich hätte ich aber immer noch Bock drauf.“

GK: „Du warst von jeher auch immer ein sehr umtriebiges Kerlchen, was das Musik machen betrifft. Plaudere doch bitte ein wenig aus dem Nähkasten: Was waren die Anfänge, was machst Du heute?“

MW: „Ich glaube, wenn ich darauf jetzt auch so ausführlich antworte, wird dieser Artikel unendlich lang. Kurz gesagt habe ich Bands seit meinem 15. Lebensjahr. Das ganze ging über Hardrock, Indie, Grunge und Crossover bis hin zu meinen beiden letzten Bandprojekten UiJuiJui (Elektropop) und Naomi Sample & the Go Go Ghosts (Chiptune-Punk-Halli-Galli). Mit UiJuiJui haben wir auch ein paar Alben veröffentlicht. Mit Naomi Sample eigentlich nur Singles und so. Beide Bands gibt es offiziell noch, aber seit ich eine Familie habe und die Mitglieder von UiJuiJui zur Hälfte in Berlin wohnen, ist das alles nicht mehr ganz so einfach. Aber haltet die Ohren offen. Naomi Sample haben über eine Kickstarter-Kampagne ihr erstes Album finanziert, da sind wir nun in der Bringschuld. Und UiJuiJui haben den Hals auch noch nicht voll.“

GK: „Letzte Frage: Warum gibt es Dein Musiklabel nicht mehr?“

MW: „Musikfladen – Label für Unkultur gibt es doch noch. Zuletzt habe ich ein Tape namens ChipsAsmussen mit Witzen und 8Bit-Tracks von zwölf verschiedenen Acts veröffentlicht. Ist schon etwas her. Die Seite www.musikfladen.de ist noch online. Okay, einige Links und der Shop sind offline, aber das ist noch nicht das Ende. Das hat eher mit der neuen Datenschutzverordnung zu tun. Die ermöglicht es Schludries wie mir nicht mehr so einfach, einen Shop zu führen, ohne dass es Abmahnungen von raffgierigen Anwälten hagelt. Deshalb habe ich den Shop erst einmal offline genommen. Sobald aber ein neues Release (vielleicht ein Tape) ansteht, werde ich alles überarbeiten.“

GK: „Vielen Dank, dass Du Dir für die Beantwortung der Fragen Zeit genommen hast. Du hast das letzte Wort.“

MW: „Danke für das Interesse. Ich habe dich auch lieb, Kai.“

* Anmerkung der Redaktion: Michael Wuttke ist mit einer Ausgabe der Retro-Elfenwolf am Start beim System matters-Fanzine-Wettbewerbs.
** Anmerkung der Redaktion: Diese Aktion haben wir in unserem Wettbewerbsbeitrag „Zine of High Adventure“ näher beleuchtet.

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